Zainab floh. Sie benutzte ihren Stock nicht; sie rannte instinktiv und aus Qual heraus, fand mit verzweifelten Füßen ihren Weg zurück zur Hütte. Sie saß stundenlang in der Dunkelheit, die kalte Erde sickerte in ihre Knochen.
Als Yusha zurückkehrte, fühlte sich die Luft anders an. Ihr Geruch von Holzrauch roch nun nach verbrannter Täuschung.
“Zainab?” fragte er, spürte die Veränderung. Er legte ein kleines Päckchen auf den Tisch: vielleicht Brot oder etwas Käse. “Was ist passiert?”
“Warst du immer ein Bettler, Yusha?” fragte sie. Ihre Stimme war hohl, wie ein Schilf, das im Wind knackt.
Die folgende Stille war lang und schwer, beladen mit Dingen, die nicht ausgesprochen wurden.
“Ich habe es dir einmal gesagt”, sagte er, seine Stimme ohne poetische Wärme. “Nicht immer.
Meine Schwester hat mich heute gefunden. Sie hat mir gesagt, du bist eine Lüge. Sie hat mir gesagt, du versteckst dich. Dass du mich – meine Dunkelheit – benutzt, um dich im Schatten zu halten. Sag mir die Wahrheit. Wer bist du? Und warum bist du in dieser Hütte mit einer Frau, für die du bezahlt wurdest, um sie wegzunehmen?
Sie hörte, wie er sich bewegte. Er entfernte sich nicht von ihr, sondern kam näher. Sie kniete sich zu ihren Füßen, ihre Knie hämmerten mit einem dumpfen Geräusch auf der hart gepackten Erde. Sie nahm ihre Hände in ihre. Sie zitterten.
“Ich war Arzt”, flüsterte er.
Zainab lehnte sich zurück, aber er hielt sie fest.
Vor Jahren gab es einen Ausbruch in der Stadt. Fieber. Ich war jung, arrogant. Ich dachte, ich könnte alle heilen. Ich arbeitete bis zum Delirium. Ich habe einen Fehler gemacht, Zainab. Eine Fehlkalkulation in einer Tinktur. Ich habe keinen Fremden getötet. Ich habe die Tochter des Provinzgouverneurs getötet. Ein Mädchen, nicht älter als du.
Zainab spürte, wie die Luft den Raum verließ.
“Sie haben mir nicht nur meinen Titel genommen”, fuhr Yusha mit gebrochener Stimme fort. “Sie haben mein Haus niedergebrannt. Sie erklärten mich für tot für die Welt. Ich wurde zum Bettler, weil es der einzige Weg war, zu verschwinden. Ich ging zur Moschee, um einen Weg zu finden, langsam zu sterben. Aber dann kam dein Vater. Er sprach von einer Tochter, die ‘nutzlos’ war. Eine Tochter, die ein ‘Fluch’ war.”
Er legte seine Hände an ihr Gesicht. Sie spürte die Nässe der Tränen; nicht ihre, sondern seine.
Ich habe dich nicht genommen, weil ich bezahlt wurde, Zainab. Ich habe dich genommen, weil mir, als er dich beschrieb, erkannte, dass wir gleich waren. Wir waren beide Geister. Ich dachte… Ich dachte, wenn ich dich beschützen könnte, wenn ich dich durch meine Worte die Welt sehen lassen könnte, könnte ich vielleicht meine Seele zurückbekommen. Aber dann habe ich mich in den Geist verliebt. Und das war nie Teil des Plans.
Zainab erstarrte. Der Verrat war da, ja – die Lüge seiner Identität – aber er war in eine viel schmerzlichere Wahrheit verhüllt. Er war kein Bettler des Schicksals; er war ein Bettler aus freiem Willen, ein Mann, der im selbst auferlegten Fegefeuer lebte.
“Das Feuer”, flüsterte sie. Aminah erwähnte ein Feuer.
“Meine Vergangenheit brennt”, sagte er. “Ich habe nichts mehr von diesem Mann, Zainab. Nur das Wissen, wie man heilt. Ich habe nachts heimlich die Kranken im Dorf behandelt. Daraus kommt das zusätzliche Kupfer. So habe ich letzte Woche deine Medizin gekauft.
Zainab streckte zitternde Finger aus und fuhr die Konturen ihres Gesichts nach. Sie fand den Nasenrücken, die dunklen Ringe, die Feuchtigkeit in seinen Augen. Er war nicht das Monster, das seine Schwester beschrieben hatte. Er war ein Mann, der von seiner eigenen Menschlichkeit zerrissen wurde und versuchte, sie wieder mit seiner eigenen zu verbinden.
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“Du hättest es mir sagen sollen”, sagte er.
“Ich hatte Angst, dass du, wenn du wüsstest, dass ich Arzt bin, mich bitten würdest, das eine zu heilen, was ich nicht kann”, sagte er, seine Stimme brach. “Ich kann dir mein Augenlicht nicht geben, Zainab. Ich kann dir nur mein Leben geben.”
Spannung im Raum brach aus. Zainab zog ihn zu sich und vergrub ihr Gesicht in der Höhle seines Halses. Die Hütte war klein, die Wände dünn und die Außenwelt grausam, aber mitten im Sturm waren sie keine Geister mehr.
Jahre vergingen.
Die Geschichte vom “Blinden Mädchen und dem Bettler” wurde im Dorf zur Legende, obwohl sich das Ende im Laufe der Zeit änderte. Die Menschen bemerkten, dass die kleine Hütte am Flussufer verwandelt worden war. Sie war nun ein Steinhaus, umgeben von einem so duftenden Garten, dass man ihn allein mit dem Geruch durchqueren konnte.
